SZ/BZ-Kulturporträt: Die Sindelfingerin Monika Nagler will das „Mörderspiel” zur Marke machen und schickt es auf Kreuzfahrt
Phantasie ist die größte Show
*Von unserem Mitarbeiter Thomas Volkmann *
Vor rund sieben Jahren hatte Monika Nagler die Idee mit dem „ Mörder-Spiel”. Schauspieler inszenieren darin einen Mord, das Publikum ist an der Tätersuche beteiligt und gibt sich parallel dazu in geselliger Runde auch kulinarischen Genüssen hin. Das Konzept aus Krimi, Theater und Dinner geht auf, auch wenn die ein oder andere Durststrecke überwunden werden musste.
Regelmäßig finden inzwischen vier Fälle an vier festen Tatorten in Deutschland ihr Publikum, namhafte deutsche Medien helfen derzeit mit, die Marke „Mörderspiel” weiter zu etablieren. Denn das ist das große Ziel der Sindelfingerin: „Jeder im deutschsprachigen Raum sollte wissen, dass ein Mörderspiel ein Genre wie ein Musical ist.” Monika Nagler wünscht sich, dass sich in der Zukunft Leute über das „Klassentreffen” oder „Mord mit Biss” so unterhalten wie heute über „Das Phantom der Oper” oder „Cats”.
Dass sich auch andere Anbieter auf dem Markt tummeln, gehört für sie zu den Spielregeln von Angebot und Nachfrage. Das Publikum soll aber in der Lage sein, in der Qualität eines Mörderspiels den Unterschied wie bei einem Mankell oder einem Groschenkrimi zu unterscheiden. Die von ihr produzierten Stücke ordnet sie dabei selbstbewusst der Kategorie Mankell zu.
“Ein Mörderspiel ist kein Tatort und kein Krimi”
Seit Monika Nagler sich mit der Vermarktung ihres Event-Theaters beschäftigt, ist an die Stelle von Fachliteratur über Wölfe oder Indianer und Biografien die kritische Lektüre von Krimis gerückt. „Ich lese da immer mit der Frage: Tut’s oder tut’s nicht, kann ich mich auf den Fall einlassen, überzeugt er, oder steige ich aus?” In den eigenen Stücken, deren Plot sie mit der Stuttgarter Regisseurin Stefanie Stroebele skizziert, hat Blut nichts verloren: „Eher soll’s komödiantisch sein. Ein Mörderspiel ist kein Tatort und auch kein Krimi, ich will keine Show um der Show willen, für mich ist die größte Show die eigene Phantasie.”
Seit der ersten öffentlichen Aufführung .der von Monika Naglers Firma „Creative Partners” produzierten Mörderspiele, dem „Tödlichen Kongress” im Mai 1998 im Sindelfinger Hotel Ramada, ist diese Phantasie immer wieder gefragt gewesen. Wurde das Ensemble anfangs überwiegend für private oder Firmenanlässe gebucht, rekrutiert sich etwas mehr als die Hälfte aller Besucher aus den regelmäßigen öffentlichen Vorstellungen in noblen Hotels in Stuttgart, Hamburg, Potsdam und Hannover sowie seit, vier Jahren auch auf Kreuzfahrtschiffen: In diesem Jahr geht es von Kiel nach Hammerfest.
“Ich habe mich gefühlt wie ein moderner Robin Hood”
„Für mich waren die öffentlichen Events damals mehr als Werbung gedacht. Das finanzielle Risiko war sehr hoch, es hat aber dafür umso mehr Spaß gemacht”, blickt Monika Nagler auf die Anfänge zurück. Als sie neulich eine Benefizveranstaltung zugunsten des „Weißen Rings” veranstaltete, saß Tatort-Kommissar Bienzle unter den Gästen. „Ich habe mich da gefühlt wie ein moderner Robin Hood”, sagt Monika Nagler.
Das wachsende Interesse an nicht nur „ihrem” Mörderspiel zeigt, dass sich der bisherige Einsatz gelohnt hat. Durch die regelmäßige Präsenz in großen Städten sind auch andere Medien auf die interaktiven Kriminalratespiele in geselliger Runde aus Sindelfingen aufmerksam geworden. Ende Februar bot zum Beispiel die Wochenzeitung „Die Zeit” ihren (Neu-)Abonnenten Karten für die Vorstellung im Potsdamer Hotel Dorint Sanssouci an, demnächst startet eine weitere Verlosungsaktion im Zuge des Filmstarts von „Gothika” auf dem Internetportal von T- Online. Und die Fernsehzeitschrift TV-Spielfilm verweist aus Anlass eines neuen „Bella Block”-Krimis am heutigen Samstag auf die Homepage von Monika Nagler unter der Adresse www.moerderspiel.com. Eine Seite übrigens, die es pro Woche auf mittlerweile stolze 20 000 Clicks bringt. Dass manche mediale Erwähnung dabei auch ohne die direkte Zuarbeit von Monika Nagler geschieht, beweist, wie sehr sich die Sache Mörderspiel bereits verselbständigt hat.
Das Hobby von einst hat sich bis heute zum festen Standbein für eine ganze Reihe von Beteiligten gemausert. An die 40 Künstler sind an Bord (darunter als Musiker auch die Sindelfinger Tobias Götzmann und Igor Petrov), vier Koordinatoren in Berlin, Hamburg, München und Stuttgart entlasten Monika Nagler bei der Organisation vor Ort. Besonders gefragt ist das Stück „Klassentreffen”, das gleich dreifach besetzt ist. Das „Mörderische Jubiläum” erhält bald eine zweite Kulisse. Eine Stammbesetzung in diesem Sinne gibt es nicht. „Dadurch bleibt ein Stück wach, denn jeder Schauspieler bringt eine andere Qualität und Energie mit, wodurch sich die Stücke dann auch immer wieder leicht verändern können”, begrüßt Monika Nagler diese Situation.
“Ich sollte auch nach außen zeigen, dass sich jetzt etwas geändert hat”
Sie selbst ist längst nicht mehr bei jeder Aufführung dabei, kümmert sich vielmehr um neue Spielstätten. Seit drei Jahren macht sie das hauptberuflich. Als sie Hewlett und Packard verließ, gab ihr Manager ihr noch mit auf den Weg, diesen Schritt so zu behandeln als handele es sich dabei um eine Hochzeit. „Ich sollte auch nach außen zeigen, dass sich jetzt etwas geändert hat”, sagt Monika Nagler. „Ich habe mir damals mit Christel Zestermann aus Herrenberg eine Organisationsentwicklerin mit ins Boot geholt und versucht, die anderen hinter meine Ziele zu stellen.”
Nach wie vor ist sich Monika Nagler nicht zu schade, auch mal als Bobby verkleidet Prospekte ihrer Stücke zu verteilen. Gerade weil sie als „Pioniertyp” ihre Mörderspielidee mit Leib und Seele vorantreibt, fällt ihr eine Trennung zum Privatleben oft nicht leicht. „Mörderspiel und Monika Nagler, das sind zwei Sachen, die sich in vielen Momenten berühren.”