FAZ Reiseblatt

Ein Krimi zwischen Lachs und Stracciatellamousse:
Das interaktive Theaterspiel „ Mörderisches Jubiläum “ in Hannover / Von Andreas Obst

Der laute Mann ist äußerst verdächtig!

 	Wen haben Sie bloß eingeladen? Die amerikanische Filmkomödie „ Eine Leiche zum Dessert" versammelte 1975 die besten Detektive der Welt zum Dinner mit Mörder

Gäste zu Zeugen eines gespielten Mordfalls in ihrer Mitte werden. Zwischen den Speisefolgen gilt es, „Tatverdächtige”, die von Schauspielern dargestellt werden, zu befragen und gemeinsam mit den Tischnachbarn über die Lösung zu grübeln.

Die Idee der Mörderspiels stammt aus dem Anglo-Amerikanischen, es ist die Überführung der alten Lust an kriminalistischer Unterhaltung in neue Formen der Animation, wie sie auch in Ferienclubs seit einiger Zeit erprobt werden. Es geht vor allem darum, aus Unterhaltungskonsumenten aktive Mitspieler zu machen. Dabei erscheinen die Kriminalspiele als geradezu idealtypisches Modell, das freilich hierzulande, im ewigen Reich von „E”, das für ernste Kunst steht, und „U” wie Unterhaltung immer noch mit dem Hautgout des Unseriösen, weil vermeintlich intellektuell zu Leichtgewichtigen belastet ist.

Die wesentlichen Theorien des Kriminalromans stammen fast alle aus Amerika und England, in der Literatur herrscht weitgehend Einigkeit darüber, daß das Genre auf eine Erzählung von Edgar Allan Poe zurückgeht: „Die Morde in der Rue Morgue”, 1841 veröffentlicht. Hier wurde zum ersten Mal ein rätselhaftes Verbrechen vorgestellt und dessen Lösung durch einen Polizei-Detektiv als Handlung beschrieben, damit zugleich eine Reaktion des Lesers erprobt, die das Maß intellektueller Befriedigung an Darstellung und Lösung des Problems zum Gradmesser des Unterhaltungserlebnisses macht.

Indem Poe den Fall als komplizierte Konstellation von scheinbar Unmöglichem komponierte, legte er den Sockel für Konstruktionsprinzipien von Kriminalhandlungen, die bis in unsere Zeit gelten. Im Grunde geht es im Kriminalroman darum, ein Rätsel zu erfinden und zu erklären – denn die Natur des Rätsels sei es, „einen einfachen Sachverhalt in schwierige, mißverständliche oder mehrdeutige Formen zu kleiden” (Georg Seeßlen). Über die anderthalb Jahrhunderte seiner Existenz hat der Kriminalroman nicht nur diverse thematische Variationen entwickelt, sondern auch eine Art Ehrenkodex. So erließ der englische Priester und Krimiautor Ronald Arbuthnott Knox 1928 zehn Gebote des Fair Play, die der Erzähler von Kriminalgeschichten gegenüber seinem Leser zu wahren habe: Der Täter müsse im Lauf der Handlung zu erkennen sein. Übernatürliches, auch Zufall sei als Lösung nicht zulässig, und der Detektiv selbst dürfe das Verbrechen nicht begangen haben. Gegen dieses Gebot freilich ist seitdem häufig verstoßen worden – nicht immer zum Schlechtesten der jeweiligen Geschichte. Auch der ebenfalls 1928 gegründete Londoner Detection Club, eine Vereinigung von Krimiautoren, verlangte von seinen Mitgliedern, einen Eid darauf zu schwören, daß ihre Detektive „wahr und wahrhaftig die Verbrechen aufdecken, die ihnen präsentiert werden” – ohne „göttliche Offenbarung, weibliche Intuition, Popanze, faulen Zauber, Zufälle oder einen Deus ex machina”.

Flucht in den Krimi

Der Krimi also als Bestandteil des Lebens und zugleich als Vorstellungsraum einer intellektuellen Alltagsüberhöhung, wie E. T. Guymon jr. ihn beschrieb: .„Mystery ficition’ ist die größte ‘Fluchtliteratur’ aller Zeiten. Flucht wovor? Nun, vor der Realität der Probleme. Wir alle sind Lehnstuhl-Detektive, und in der Sicherheit des Lehnstuhls können wir uns mit den Charakteren des Buchs identifizieren und uns freuen am Verbrechen, am Geheimnis, an der Gefahr, an der Verfolgung und – besonders wichtig – am Gedankenspiel, an der geistigen Auseinandersetzung und an der Lösung.”

Die Bewegung des Lesers in die Schilderung des Verbrechens ist ironischerweise auch eine Flucht in die neue Ordnung, die im besten Fall im Zuge der Aufklärung des Kriminalfalls entsteht. Damit offenbart sich auch eine Parallele zum Unterhaltungsbedürfnis der Freizeitgesellschaft unserer Zeit, die sich am deutlichsten im Tourismus ausdrückt – darin wiederum in den Animations-Modellen, die derzeit en vogue sind: Inszenierung von Parallelwelten, intelligente Rollenspiele, intellektuelles Kräftemessen. Man könnte diese Bewegung auch als Rückkehr auf die Bewußtseinsebene des Zeltlagers betrachten, und in der Tat reüssieren „Mörderspiele” auch unter Kindern und Jugendlichen in betreuten Feriencamps. Die alten touristischen Hauptattraktionen jedenfalls sind abgelöst: Naturerlebnis, Hotelkomfort, der Luxus des Andersseinkönnens für die „kostbaren Wochen des Jahres”, das längst Klischee gewordene Bild von der „baumelnden Seele”. Die alten Topoi bilden allenfalls noch den Rahmen, der neu zu füllen ist: Der Urlauber unserer Tage will beschäftigt werden – und zwar ohne den Eindruck vermittelt zu bekommen, daß man ihn wie ein Kind unterhält.
Je weniger Organisation bei den Mitmach-Spielen zu erkennen ist, desto besser funktionieren sie aus sich selbst heraus. Vielleicht hat die Agentur „Creative Partners” unter Leitung der früheren Hotelkauffrau und Spezialistin für „Event-Inszenierungen” Monika Nagler tatsächlich eine Art Quadratur des Kreises gefunden: mit „Mörderspielen”, interaktiven Theaterinszenierungen, die, zum Essen gereicht, den Zuschauer zum Akteur machen, ohne ihn mit Aufgaben zu überfordern, geschweige denn vor den anderen Gästen bloßzustellen. Ohnehin bleibt jedem immer die Wahl, den Verlauf des Theaterabends gleichsam aus der Sicherheit des Tischverbandes zu verfolgen oder sich mit von den Schauspielern vorgegebenen Spielbeilrägen oder eigenen Mutmaßungen aus dem Publikum herauszuheben.

Die Theater-Mitmachinszenierungen des Sindelfinger Unternehmens sind für zwanzig bis fünfhundert Teilnehmer ausgerichtet. Das Konzept, erprobt in Firmenveranstaltungen, wo die Idee der Kreativitäts-, womöglich sogar Produktivitätssteigerung durch Rollenspiele schon länger Glaubensfrage ist, wird ganz ohne erkennbare Anstrengung vermittelt. Das Ensemble der „Creative Partners” besteht aus drei Dutzend Schauspielern, aus denen die jeweilige Besetzung der vier Stücke im Repertoire gewählt wird. Auslöser der Handlungen ist stets ein Mord, der Weg zur Lösung wird von bis zu acht Schauspielern vorgeführt. Dazu kommen Musiker für die akustische Trennung der Szenen und ein „Koordinator”, der vor allem für das Ineinsgehen von Theater und Küche sorgt.

Creative Partners • Rotbühlstraße 10 • D-71063 Sindelfingen
Tel. 07031 / 41 80 98 0 • Fax 07031 / 80 52 22