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Ob Golf- oder Gourmetreisen – Themen-Kreuzfahrten liegen im Trend. Kriminell geht es beispielsweise auf der MS Hanseatic zu: Auf dem Weg zum Nordkap gehen die Passagiere während einer zehntägigen Fahrt auf Verbrecherjagd.

Mord an Bord

von UWE BAHN

Die Hanseatic hat gerade den Hafen von Trrondheim verlassen. In der Columbus-Lounge erhebt sich Werner Kolb aus seinem Stuhl. Heute ist sein 60. Geburtstag. Was er nicht weiß: Es ist auch sein letzter. Ein kurzes Räuspern, ein kleiner Schluck aus dem Wasserglas, dann will er ein paar Worte an die versammelten Gäste richten. Doch dazu kommt es nicht mehr. Plötzlich fasst sich der Schweizer Unternehmer ans Herz, ringt mit weit aufgerissenen Pupillen nach Luft und sackt röchelnd zu Boden. Werner Kolb ist tot. Vergiftet durch Digitalis, afrikanischen Fingerhut.
Die tödliche Dosis war in seinem Glas.

Während die Leiche abtransportiert wird, reicht der Service die Vorspeise: Kartoffelpilzterrine mit Scheiben vom Springbockrücken und Schnittlauch-Sauerrahm. Der Sohn des Verstorbenen wünscht guten Appetit. Köstlich. Wenig später mischt sich Werner Kolb wieder unter die Lebenden, die seine Auferstehung begeistert mit Beifall quittieren. Ovationen für das Opfer.

Wie kam er zu der Ehre? Der Schweizer hatte sich mit seiner Frau nichts ahnend zu diesem Krimi-Dinner angemeldet. An der Restauranttür sahen ihn die geübten Augen der Produzentin. Kurze Überredung, dann hatte er die Gastrolle des Lord Heartsborough. Als dieser verstarb er gerade vor wenigen Minuten. Und nun rätseln alle Anwesenden: Wer war der Täter? Was war sein Motiv? Nur eines ist sicher: Er ist unter ihnen.
Das interaktive Theaterstück “Mörderisches Jubiläum” ist der Höhepunkt dieser Krimi-Kreuzfahrt auf der Hanseatic. Eine Agentur aus Sindelfingen hat das “Mörderspiel” entwickelt und hochseetauglich gemacht. Zum Team gehören vier Schauspieler, ein Musiker und eine Verantwortliche, die über allem wacht. Und: Das ist gut so. Was nützt schließlich die beste Dramaturgie, wenn beispielsweise mitten im Mord das Kellnergeschwader das Entrecôte vom Angus-Rind servieren möchte?

Das Ambiente für den Krimi ist ungewöhnlich. Draußen im Nebel der Trondheim-Fjord, drinnen der Mord an Bord. Spuren gibt es noch keine. Der Fall soll ja auch erst beim Dessert gelöst werden, so will es das Drehbuch. “Bei diesem Krimi lernen sich die Gäste auf eine ganz andere Art kennen”, weiß Monika Nagler, Produzentin des Mörderspiels. Kein Wunder, denn die Nebenrollen werden durch Passagiere besetzt. So wie mit der Schweizer Leiche. Ein weiterer Gast spielt an diesem Abend den Pastor, ein anderer den Mafiaboss. Auch wenn der nur den Satz “Cool bleiben, Baby” zu sagen hat – jetzt kennt ihn jeder auf dem Schiff. Und genau jeder wird ihn beim Frühstück oder beim Landausflug darauf ansprechen.

Wer nicht mitspielt, wird zum Hobby-Holmes, muss den Fall in kleinen Detektivgruppen lösen. Das heißt: Verdächtige befragen, Beweisstücke sammeln, Spuren verfolgen, Anwälte und Gerichtsmediziner anhören. Dabei ist professionelle Hilfe nicht weit. Tatort-Kommissar Freddy Schenk alias TV-Star Dietmar Bär ist mit an Bord. Er sitzt zwei Decks tiefer im Restaurant Marco Polo und speist fernb vom Ort des Verbrechens. Er ist nicht im Dienst. “Es ist immer komisch, wenn man Kollegen bei der Arbeit zuguckt”, entschuldigt er sein Fernbleiben. Untergebracht ist der Fernsehkommissar während dieser zehn Tage auf Kabine 110. Das passt. Wer ihn anrufen will, muss 110 wählen, den bekannten Polizei-Notruf. Auch der bullige Schauspieler hat seinen Einsatz auf der Hanseatic. Gestern las er zum ersten mal aus dem finnischen Thriller “Die Giftköchin”, Teil zwei folgt morgen.

Zwei Decks höher spitzt sich der Fall gerade zu: Unmittelbar nach den flaumigen Joghurt-Mango-Nockerln wird der Mörder gestellt und mit einer Waffe in Schach gehalten. Auf die beiden “Schreckschüsse” verzichtet die Schauspieltruppe, denn manch älterer Gast könnte sonst tatsächlich in akute Lebensgefahr geraten. Wie konnte überhaupt diese naturgetreue Spielzeugpistole and Bord gelangen, gelten doch seit Juli neue, schärfere Sicherheitsstandards? “Das war mit vielen Formalitäten verbunden”, stöhnt die Produzentin. “Auch für eine Schreckschusspistole ist ein gültiger Waffenschein vorzulegen.” Kapitän Thilo Natke kennt seine Vorschriften, ist aber entspannt: “Hier oben in Norwegen gilt die unterste Sicherheitsstufe.” Der Polarkreis gehört nicht zu den Krisenregionen dieser Welt.

Reale Verbrechen an Bord hat er auf der Hanseatic noch nicht erlebt, abgesehen von einem Diebstahl unter Kollegen. Doch das ist schon Jahre her. Und auch die Piraterie ist zwischen Fjorden und Schären eher nicht zu befürchten. So konnte auch der Kapitän ganz entspannt auf Mörderjagd gehen. “Mir hat der Krimi gefallen, auch wenn ich bei der Lösung daneben lag.” Fünf von dreizehn Gruppen haben Täter und Motiv gefunden. Eine gute Bilanz – und ein erfolgreicher Abend: Zwei Gäste haben ihre Visitenkarte überreicht, möchten die Mördermannschaft gerne für Weihnachtsfeier und Firmenjubiläum verpflichten.

Am nächsten Morgen findet Jeder Passgier unter seiner Kabinentür die tägliche Morgenlektüre: einen Fortsetzungskrimi, der exklusiv für die Gäste der Hanseatic geschrieben wurde. So liest er sich zumindest. aber die Mehrheit der Gäste lässt sich lieber von einem Profi vorlesen: Punkt 11.30 Uhr versammelt sich die Zuhörerschaft in der Explorer Lounge, um der nächsten Lesung mit Dietmar Bär zu lauschen. Ein Hörbuch live. Der Schauspieler lässt Verben, Adjektive, Haupt- und Nebensätze auf der Zunge zergehen. Die Zuhörer kleben an seinen Lippen. “Der könnte meinen Enkeln Gute-Nacht-Geschichten vorlesen”, sagt einer. “Wenn es nur nicht so brutal wäre.” Einige Passagen musste der Tatort-Kommissar zusammenstreichen – aus Zeitgründen. Auch für ihn ist ein gutes Timing alles. Eine Stunde hat er für die Kapitel aus der “Giftköchin”, dann bitten die Schiffsköche zum Mittagsschmaus. Und so etwas muss man Kreuzfahrern nicht zweimal sagen. Das weiß auch Dietmar Bär. Prominenz und Pistolen haben keine Chance gegen Poularden und Pudding.

Trotzdem ist sein Bündel Autogrammkarten fast verbraucht, und für das nächste Jahr hat er bereits eine Anfrage: Dann soll es mit der Hanseatic rund um Großbritannien auf Tätersuche gehen. An passender Lektüre wird es auf dem Breitengrad nicht mangeln. Allein das Opus von Agatha Christie dürfte für fünfzig Krimi-Kreuzfahrten reichen. Aber bis dahin fließt noch viel Wasser die Themse hinunter. Nach zehn Tagen endet die Krimi-Tour 2004 am Nordkap. Dietmar Bär und die Schauspielkollegen genießen am letzten Abend in der Observation Lounge die Mitternachtssonne. Auch wenn nun alle Akten geschlossen und alle Fälle gelöst sind – ans Schlafengehen denkt auch nachts um drei niemand. Die Hanseatic-Combo in der Bar findet das passende Lied: “Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett.” Oder an Bord.

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