Magazin der Vorarlberger Nachrichten

Speisen unter Hochspannung beim Mörderspiel im Festspielhaus

Zwischen Rosa Entenbrust und Vanilleparfait eine Leiche

von Marion Hämmerle-Crone

Bregenz (VN) Ein feierlicher Anlass und eine Einladung zum Dinner – nichts Ungewöhnllches eigentlich. Oder doch? Zum ersten Mal lud das Bregenzer Festspielhaus zum “MörderspieI”.
Ein Abend mit Spannung, Spaß und Sahne-häubchen! Sie sind gespannt? Wir waren es auch.

Es ist kurz nach 19 Uhr. Stimmengewirr im See-foyer. Fast alle Gäste sind bereits eingetroffen. Scharen sich um die wenigen schwarzen, runden Stehtische oder bilden Grüppchen. Small-Talk beim Begrüßungscocktail. Und doch liegt eine eigenartige Spannung in der Luft, denn die Einladung enthielt eine geheimnisvolle Andeutung über einen kleinen Mord. Oder haben wir da etwas falsch verstanden?

Eine feine Gesellschaft
Die Uhr zeigt inzwischen zwanzig nach sieben. Endlich werden die Gäste von der Familie des Gastgebers empfangen. Feinste Gesellschaft. Küss’ die Hand, gnäd’ge Frau hier, meine Verehrung der Herr da. Viele waren der Einladung gefolgt unter anderen auch Graf Eberhard von der Höhe, bekannt für seine humorvollen schwäbischen Mundartdichtungen oder Principessa Gina Lorenzo oder Lord Malcolm Mc Dowell – alle adelig, versteht sich!
Feierlicher Anlass: Der 60. Geburtstag des Hausherrn Lord William Heartsborough. Getrübt wird die Feierlichkeit zwar durch die plötzliche Erkrankung des Jubilars, der es sich aber dennoch nicht nehmen lässt, seine Gäste persönlich zu begrüßen. Doch soweit kommt es nicht. Nach einern heftigen Hustenanfall und dem hilflosen Linderungsversuch mit einem Schluck Wasser – bricht er zusammen. Tot! Ein heimtückischer Mord etwa – vor den Augen der zahlreichen Gäste?

Tatort Festspielhaus
Und schon sind wir mitten drin, im Mörderspiel. Greifen neugierig zu den Unterlagen, diskutieren über das Motiv und stimmen ab, welche Spuren verfolgt werden. Aus den Gästen werden lauter Sherlock Holmes.
Und während Joschi Walch’s Event Catering ein dreigängiges Menü auf die Teller zaubert, pirschen sich die Hobbydetektive auf Zeit Gang für Gang näher an die Lösung ran. Nun, der Mörder wird an dieser Stelle nicht verraten – gehen Sie doch selber hin. Nur so viel: Der Abend hat unglaublich Spaß gemacht. Klarer Fall für
uns – wir werden wieder dabei sein, wenn’s im Festspielhaus wieder heißt: Mörderspiel- Theater, Krimi und Dinner!
Doch worin liegt eigentlich dIe Faszination, die Krimis in uns auslösen? Erschauern lassen, erregen, packen, begeistern . . . – lautet in Langenscheidts Wörterbuch die deutsche Übersetzung für das englische Wort “thrill”, von dem auch die Bezeichnung Thriller hergeleitet wird. Treffender könnte man es nicht beschreiben. Wir genießen die Angst, wissend, uns in Sicherheit zu befinden. Zu Hause auf dem Sofa in eine Decke gekuschelt, ohne die Augen auch nur eine Sekunde vom Buch oder TV-Gerät abwenden zu können. Ermitteln beispielsweise die Tatortkommissare auf dem Ersten, sitzen durchschnittlich 7,84 Millionen Zuschauer vor der Flimmerkiste.

Tatort Festspielhaus: Vor den Augen der Gäste passiert der heimtückische Mord!

Nicht minder erfolgreich: Zig Millionen Bücher wandern über die Ladentische, wenn Krimiautor und Auflagenmillionär Henning Mankell ein neues Werk veröffentlicht.
Lust auf Gänsehaut Das bestätigt auch Anita Figo von “Das Buch” im Dornbirner Messepark. “Generell steigen die Verkaufszahlen bei den Krimis rasant, was sicher auch durch die zahlreichen Neuerscheinungen zu erklären ist”, weiß die Belletristik-Abteilungsleiterin.
Das lustvolle Eintauchen in die Angst, das hemmungslose Zulassen von schaurigen Gänsehaut-Gefühlen ist längst gesellschaftsfahig. Und erinnert uns daran,
dass, um es in den Worten von Pater Brown
(einst gespielt von Heinz Rühmann) auszudrücken, ein Teufel in aller unserer Herzen schlummert.

Mordlust
So sieht das auch der Gerichtsgutachter Dr. Reinhard Haller. “In jedem Menschen steckt kriminelles Potenzial, das aber nicht ausgelebt wird aufgrund der gesellschaftlichen Normen, der Gesetze und der menschlichen Hemmschwelle”. weiß der Facharzt für Psychiatrie und Neurologie. Und dennoch können starke Emotionen, der Einfluss von Alkohol oder Drogen oder gruppendynamisches Potenzial Affekthandlungen bis hin zu Mord auslösen. Besonders kritisch: Über Jahre angestaute familiäre Konflikte.
“Die meisten Morde gehen aufs familiäre Umfeld zurück oder passieren im Bekanntenkreis”, weiß Gerald Hesterer, Pressesprecher des Bundeskriminalamtes. 48 Morde gab es laut Kriminalstatistik im Jahr 2003 in Österreich und dazu kommen noch 94 Mordversuche. “Im durchschnittlichen Vergleich eine sehr niedrige Zahl”, weiß Hesterer und verweist auf die Aufklärungsquote von 95,7 Prozent.
Doch zurück zum Mörderspiel: Hier können die ureigenen Triebe des Menschen ausgelebt werden. “Der Mensch ist neugierig, spielt gerne”, so der Chefarzt am Krankenhaus Stiftung Maria Ebene. Beim Mörderspiel geht’s eben um das altbekannte Duell Gut gegen Böse. “Und eben so menschlich ist das Bedürfnis, dass das Gute siegt”, erklärt der Fachmann. Na dann nichts wie los: Derrick schlummert in jedem von uns…

Creative Partners • Rotbühlstraße 10 • D-71063 Sindelfingen
Tel. 07031 / 41 80 98 0 • Fax 07031 / 80 52 22